Züri – Chic ?

So, das war sie also, die Podiumsdiskussion, dies gleich in perfekt alternativem Rahmen, gewisse Leute würden sie sogar eine organisierte Diskussion der Off-Bewegung nennen, aber das blosse Vernehmen dieses Wortes regt zu stundenlangen Gesprächen an. Ich wähle mit Absicht die subjektive Art, über diesen Anlass zu berichten, denn man kann nicht anders, als subjektiv gefärbt sein, wenn es um den Begriff Züri-Chic geht, was ja ein gewisser Stil in Design, Mode und Einrichtungen definieren soll. Leider ging der Fokus auf das eigentliche Thema schnell verloren, doch während es auf der Bühne zusehends in den persönlichen und soziologischen Bereich driftete, fing das eigene Hirn ganz inspiriert von allein an, Kreise durch die Zürcher Kultur, Shoppingmeilen und Lounges zu ziehen.

Wenn man es, wie einer unserer Podiumskandidaten, vom Standpunkt der ursprünglichen Bedeutung des Wortes ausgeht, nämlich von schick, respektive „etwas schickt sich“, dann muss ich persönlich anmerken, dass diese Art Chic, nämlich der, der sich schickt, inzwischen inexistent ist, zumal mein Eindruck ist, dass es heute in Zürich Chic ist, eben nicht Chic zu sein. Oder ist das eher wieder ein Trend, was wiederum nichts mit Chic zu tun hat?Wenn ich Züri-Chic höre, dann sehe ich Frauen und Männer, mit relativ viel Geld, die sich aber bemühen, Design mit Brocki zu mischen, den Altbau mit teuren Möbeln zuzustellen. Als Begriff, als Eindruck könnte er schon existieren, aber hat nicht jede Stadt seine Ausstrahlung,seinen Stil? Es gibt doch ebenso Bern-Chic, Basel-Chic und St.Gallen-Chic.

Man kann es aber auch von der Seite wie Herr Wettstein sehen. Dass Zürich, vor allem wenn man die gesichtslosen Lounges, die so gerne aus dem züreichen Nährboden schiessen, mit sehr vielen Trendhaschern und parasitären Menschen besiedelt sei, Leute die einfach überall dabei sein müssten, wenn etwas gerade neu eröffnet würde. Dass der Reiz des Neuen eben reizvoll ist, dagegen kann man ja nun wirklich nichts sagen, aber es ist schon richtig, dass man in unserem Lieblingstädchen den Dingen oft keine Zeit und keinen Raum gibt, zu wachsen, zu reifen, eventuell ein paar Narben abzubekommen, was ja schlussendlich zum Beispiel in Paris eben den „Pariser Chic“ ausmacht. Und es geht auch mir so. Ein abgeschrammeltes Sofa im Liquid ist für mich persönlich schicker, als ein neu eröffnetes Ishi. Denn es hat Charakter, für mich, ganz subjektiv und eingeengt. Heisst das nun, wie eine dritte im Bunde der Diskussion angemerkt hat, das Chicness nun doch eben eine Charakterfrage ist und so gar nicht die Frage des eigentlichen Stils?

Ist es nun positiv oder negativ, dass man heutzutage mit Jeans und Turnschuhen in der Kronenhalle einen Drink zu sich nehmen kann? Hat es noch mit Chic zu tun, wenn man sich einfach bloss schick macht, weil man sich in einer solchen Umgebung befindet? nur noch mit der Umgebung selbst bekleidet?

Wie der geneigte Leser vielleicht merkt, könnte man nun stundenlan darüber brüten, abwägen und seine Meinung kundtun. Mein Fazit hierzu bleibt eigentlich das, was Ihr schon ahnt. Ein Züri-Chic ist für mich inexistent, höchstens gibt es einen Stadt-Chic. Zürich hat eine eigene Ausstrahlung, wie sie jede Stadt besitzt, hier nun speziell beeinflusst von zahlreichen Menschen aus verschiedentsten Ländern und Kantonen, Schichten und Szenen. Es ist vielleicht eine schüchterne Stadt, die ihren wahren Chic nur sanft und langsam offenbart, hat man die Augen offen und ein wenig mehr Geduld. Eine Stadt mit vielen, vielleicht wirklich zu neuen Designs, angelehnt an die Mode und an Trends der Welt.

Zum Schluss noch mein Lieblingszitat des Abends:

Zürich ist vielleicht stylish, aber besitzt keinen eigenen Chic“

(Und jetzt seid Ihr dran, meine verehrtesten, eure Meinung zu diesen verworrenen Gedanken zu hinterlassen)

2 Kommentare zu “Züri – Chic ?

  1. Wertestes mariechen

    Mit Freuden nimm ich Ihre Einstellung zum Thema zur Kenntnis.

    Dass man aber genau im geschichtsträchtigen Cabaret Voltaire über Sinn und Unsinn einer Definitionsnotwendigkeit des Züri-Chics diskutiert, find ich passender als 700’000 Züri-Fäuste auf 700’000 Züri-Augen.

    Anstatt Stillosigkeit anzupacken und zu versuchen, etwas Dezentes auf die Beine zu stellen, produktiv zu sein und durch mutiges Experimentieren ein neues Verständnis über Geschmack und Stil durch ebendiese Taten zu definieren, wird stundenlang in ehemals genau stilbestimmenden Räumlichkeiten nur am Thema rumgenagt.

    Zürich war früher stilbestimmend. Grosse Typographen und deren Entourage von Grafikern definierten den klaren, minimalistischen aber doch naturverbundenen Schweizer Stil der Mitte des 20. Jahrhunderts. Davon übrig geblieben sind eben die von Ihnen genannten scheuen Versuche, etwas neues zu kreieren, welche aber dank der Engstirnigkeit der möchtegern-Grossstädter (und demzufolge -Stilbewussten) noch im Keim erstickt wird. Nein, ich korrigiere mich. Es kommt gar nicht zum Keimen, denn es wird vorher schon belächelt, wie die obengenannten Sneakers in der Kronenhalle.

    Wir befinden uns seit geraumer Zeit im 21. Jahrhundert. Ich bin weiterhin der Meinung, dass die Zürcher – wie es das neue Motto vorgibt – alte Zöpfe abschneiden und JETZT die Chance packen sollten, ihre Grosstädtigkeit nicht nur meinen, sondern auch auszuleben. Es ist nicht von unbedingter Notwendigkeit, DASS ein akkurater Züri-Stil erschaffen wird, davon spreche ich nicht. Man soll Mut zu Neuem haben, Schockieren ist – im üblichen dezenten Schweizer Rahmen natürlich – erlaubt, die Street-Style-Mode der anderen Metropolen gibt’s vor, soll aber nicht einfach billig kopiert werden.

    Wir sollten uns bewusst sein, dass wir extrem privilegiert sein können, in diesem kleinen Juwel leben zu dürfen, welches uns – verglichen mit anderen, viel grösseren Grossstädten – erstaunlich viele Möglichkeiten bietet. Dieses Potential sollte aktiv genutzt werden, und nicht einfach den goldenen 20er-Jahren gedenkend durchgenudelt werden.

    Na?

  2. Danke Herr Ino für diese wertvollen Ergänzungen und Ihre ebenso erfreuliche Einstellung.

    Auch ich bin der Meinung, dass es keinen akkuraten Züristil geben darf, sondern mehr mut zum individuellen und eigenen Stil aufkommen sollte.
    Dass solche Dinge nun in geschichtsträchtigen und Dadaistischen Mauern ange- oder sogar zernagt werden, finde ich aber unter dem Strich gar nicht mal schlecht. Es ist ein Anfang. Und inspirierend.
    Klar, man kann auch nur reden, was wahrscheinlich auch sehr oft der Fall ist. Das ist dann wiederum ein Thema für sich. 😉

    Ich glaube, das Kernproblem liegt eben genau darin, dass wir EIGENTLICH sehr viel Geld und Möglichkeiten hätten, uns aber zeitweise genau darin verzetteln und wir viel zu schnell viel zu Schönes machen wollen, anstelle überlegt und innovativ zu sein. Ich glaube auch, dass sich Zürich oftmal unter Druck fühlt, chic zu sein (wurde gestern auch mal irgendwo erwähnt), und es ist doch so klein, da kriegen viele das Bibbern und kopieren. Ausserdem bestellen sich grosse Firmen leider auch oft das Mittelmass, wenn es um Design geht, um allen zu gefallen. Das sollte sich wirklich irgendwann man ändern.

    Ich bin dafür: Viva la Revolution. 😀 Oder so.

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