Das Leben und sein Eigenleben

(Vorsicht, nur für starke Nerven)

Liebe Leserinnen und Leser meines sonst eher leichtfüssigen kleinen Blogs, lange habe ich mir überlegt, ob ich’s denn, ja wie – und überhaupt  – wann ich es erzählen soll. Die Partymaus, mit der man Pferde stehlen kann wird plötzlich ganz ernst. Darf ich es denn einem solch grossen Publikum erzählen? Oder ist das tabu? Werde ich deswegen diskriminiert? Was denken denn die Menschen um mich herum, wenn sie die Geschichte mit dieser Selbstoffenbarung lesen? Vielleicht wollen sie diese ja gar nicht lesen, mich so gut kennen.

„Scheiss drauf!“ rief ich dann lauthals in meinen kleinen Bildschirm. Das Leben ist zu kurz, um immer darauf zu schauen, dass auch ja niemand sich angegriffen, angeekelt oder überfordert fühlt. Oder ob dies ewig im Internet auffindbar sein wird. Wer mich mag, der mag mich auch so und wer schon immer Mühe hatte mit dem Mariechen, ja, dem wird nun das letzte falsche Lächeln vergehen. Nichts muss, alles darf – wie schon gescheite Menschen sagten. Denn ich will darüber berichten. Und damit vielleicht anderen Betroffenen helfen. Mit einem Tabuthema brechen. Die Leute aufwecken. Aber eins will ich nicht: Mitleid heischen. Daher sei dir dessen, lieber Leser, bitte stets bewusst.

Mein Leben war bisher eigentlich meist sehr unbeschwert. Klar, da waren so ein paar Abstürze, Ausschweifungen, Herzensbrüche, Geldsorgen, Gesundheitssorgen, abgebrochene Fingernägel, schlecht geschnittene Haare, die falschen Socken. Ich musste mich viel zu früh von lieben Menschen trennen und manchmal bitterlich weinen. Was halt alles so passiert in einem kleinen Menschenleben. Aber unter dem Strich war eigentlich immer alles – wie ich es gerne nenne – sehr flauschig.

Letzten Sommer musste ich mir nach langem Ahnen, Bangen und Hoffen die fünf Buchstaben anhören, die keiner gerne hören möchte: Krebs. Genauer: Gebärmutterhalskrebs. „Frau Mariechen, leider muss ich Ihnen mitteilen, dass trotz aller Vorsorgeuntersuchungen bei Ihnen gegen alle Regeln ein kleiner Tumor gefunden wurde.“ Bam. In your Face. Dein Leben ist in akuter Gefahr, Kleines! Die Worte hallten ungefähr zehntausendmal in meinem leeren Gehirn wider. Tränen. Angst. Tod. Keine Familie. Grosse Operation. Noch nie hatte ich so wenig Boden unter den Füssen. Ich blickte in ein schwarzes Loch. Dass meine Ärztin noch hinzufügte, dass ich gute Chancen auf Heilung hätte, ging im Strudel erstmal unter. Ich fragte mich: Was habe ich falsch gemacht im Leben? Hätte ich weniger rauchen sollen, weniger trinken? Weniger Party feiern sollen? Vielleicht ein, zwei Mal auf die fettigen Kebabs und Burger verzichten sollen? Hab ich irgendwas verbrochen?

Aber so läuft das für mich nicht. Krebs hat für mich nichts mit Karma zu tun. Ansonsten hätte es ein paar Diktatoren weniger gegeben auf diesem wunderschönen Planeten. Es trifft am Ende des Tages einfach jemanden. Die Statistik schlägt zu. Man hofft immer, dass es einen selbst nicht erwischt. Aber will ich denn, dass es dafür jemand anderes trifft? Nein, natürlich nicht.
Fakt ist: Krebs ist eine heimtückische und fiese Diagnose. Das Abstrakte, das Ungewisse daran macht Angst. Es sind eigentlich nur entartete Zellen, die schief wuchern und keine Nachbarn in ihrer Nähe dulden. Dennoch fühlt es sich an wie ein Gespenst, das ständig sein Gesicht verändert. Dass man sich dabei in totaler Gesundheit wähnen kann, obwohl es schon in einem wütet, verunsichert einen in seinen Grundfesten. Man hat sehr wenig Kontrolle über das, was mit dem Leben passiert. Old News, ich weiss, und doch verdrängt man diese Tatsache glücklicherweise. So sind wir Menschentierchen programmiert.

Die Diagnose lehrt einen Demut. Die empfand ich als sensibles Wesen schon vorher, aber jetzt weiss ich umso mehr, wie wertvoll jede Minute im Leben ist. Sie hat mir auch gezeigt, was für ein verdammtes Glück ich mit meinen Freunden und Familie, meinem Liebsten und meinem allgemeinen Umfeld habe. Das weiss man natürlich auch schon vorher, jedoch bleibt da normalerweise eine klitzekleine Unsicherheit, was in Härtefällen wohl mit den Beziehungen geschehen würde. Ich hätte es nur zu gut verstanden, wenn einige Abstand genommen hätten. Aber nichts da. Bis heute sind alle noch bei mir und bereichern mein Leben. Im Spital fühlte ich wie Königin Mutter, die ständig Besuch und Geschenke empfing. Ich weiss nun, die Leute halten zu mir, egal was passiert. Das Grösste ist allerdings: Sie sehen mich immer noch als Person, die ich immer war. Sie schenken Normalität. Das klingt jetzt total klischeehaft – wie in einem ganz schlechten Film. Aber das ist es ja auch, irgendwie. Und ich glaube, nur wer schon einmal so etwas erlebt hat, weiss, wie verdammt wichtig diese Normalität ist. Sie ist das Boot auf ziemlich wilder See. Denn man will nicht als wandelnde, einzige Krebszelle betrachtet und ständig daran erinnert werden, dass das Leben an einem Seidenfaden hängt. Das tut man selbst schon genug in jedem Moment, in dem man nicht genug Ablenkung findet, in dem man gestresst ist, oder sonst irgendwie verunsichert durch das Leben stolpert. Und  mein Umfeld macht es mir so leicht wie es nur geht. Dafür bin ich verdammt dankbar, so dankbar, dass ich es hier ganz unpassend herausschreien muss: DANKE!

Natürlich gibt es noch mehr Klischees, die sich für mich bewahrheiten. Ja, ich betrachte das Leben tatsächlich ein bisschen anders. Ich gehe spielerischer mit Herausforderungen um. Kleine Misserfolge schneiden mir nicht mehr so ins ehrgeizige Fleisch. Ich bin ehrlicher geworden, zu mir selbst und zu anderen. Ich fühle mich mental stärker als je zuvor und spüre, dass ich das weitergeben möchte. Ich kann besser Zuneigung zeigen, denn ich weiss, dass es irgendwann einmal zu spät sein könnte, jemandem zu sagen, dass ich ihn mag. Ich begrüsse meinen Liebsten jeden Tag, als sei er ein Weltwunder (Anm. d. Red.: Das ist er nämlich auch. Jawohl!). Ich packe die Sachen viel eher an, denn ich will meine Träume so gut es geht, erfüllen. Ich liebe das Leben und seine Marotten noch mehr, als ich das so oder so schon tat!

Und Nein, ich gehöre jetzt definitiv nicht zu der Sorte Mensch, die nun alle Probleme anderer und seine eigenen „kleinen“ Sorgen herunterspielt, weil es ja immer was „Schlimmeres“ gibt. Das ist in meinen Augen doof. Fast alle Sorgen und Wehwehchen haben ihre  Berechtigung, gehören zum Alltag dazu, prägen und formen uns, ja, sind unser Benzin für den Lebensofen, damit wir stets eine Vorwärtsbewegung machen können. Ich bin immer noch genau so da für alle Arten von Sorgen meiner Freunde. Denn ich habe die ja auch immer noch. Wer meinen Facebook-Account aufmerksam verfolgt, weiss das nur zu gut. Nur sehe ich die Relationen ein bisschen anders als früher und kann die fünf auch einfach mal gerade sein lassen. Und das ist, wenn ich das mal so fatalistisch ausdrücken darf, einer der guten Seiten einer solchen Diagnose. Ich habe zudem gelernt, wie zäh der menschliche Körper eigentlich ist und mit welchen Kräften man Rückschlägen entgegnen kann. Und dass ich meinen Humor offenbar nicht so schnell verliere (Im Gegenteil!). Das gibt Hoffnung. Hoffnung, dass  ich künftig, falls es nötig wird, mit einem Lächeln in diese Fratzen blicken kann.

Ich hatte viel Glück im Unglück. Dank meiner Vernunft ging ich immer in die Vorsorge, so, dass man es wenigstens noch einigermassen früh entdeckte. Die grosse Operation Anfang September (die heisst Wertheim, falls es jemanden interessiert, aber Vorsicht: Nichts für schwache Nerven und gesunden Appetit!) verlief ohne Zwischenfälle und ich durfte ebenfalls die gute Nachricht vernehmen, dass sie in diesem entfernten Gewebe nichts Bösartiges mehr fanden – Das heisst: Keine Chemo, keine Bestrahlung. Der Pet-Scan liess mich zwar während eines Tages radioaktiv strahlen und eine Gefahr für Schwangere werden, ergab aber keine zum Glück keine Anzeichen von Streuung des Tumors. So weit, so gut. Nun heisst es alle drei Monate in die Kontrolle und hoffen, dass es das letzte Mal war, dass ich in die schiefe Fratze des Krebses schauen musste. Dass die Statistik nicht erneut zuschlägt.

Man kann also sagen, dass ich noch ganz gut weggekommen bin. Das verdanke ich mir selber, den Ärzten und meinem Umfeld. Natürlich geht es einem zwischenzeitlich mal so richtig schlecht. Ich will nicht lügen, ich kann nicht immer positiv denken. Letzteres ist sogar verdammt schwierig. Vor allem wenn man so eine hausgemachte Pessimistin ist und immer wieder gerne mal mit dem Schlimmsten rechnet. Neuste Studien belegen zum Glück, dass das keinen Grossen Einfluss auf den Verlauf dieser Krankheit oder auf Rückfälle hat. Phu. 😉

Wie geht es weiter, fragt ihr euch vermutlich. Und was will das Mariechen nun eigentlich mit diesem Roman bezwecken?

Es geht weiter mit Hoffen und Bangen. Mit Höhenflügen, Normalität und ängstlichen Minuten. Wie auch schon ohne Krebsdiagnose – nur ein wenig intensiver. Ich werde Gas geben und alles daran setzen, dass ich so lange wie möglich munter bleibe.  Mir mentale Boxhandschuhe anziehen und kämpfen. Lachen und tanzen. Freundschaften pflegen. Ich habe gute Heilungschancen und bin für den Moment tumorfrei. Es kann also auch alles gut werden!

Aber ich möchte diesen Kanal nun natürlich auch für Propaganda nutzen:

Mädels, geht in die Vorsorge!

Und wenn ihr mehr als einmal Jährlich zur Vorsorge gebeten wird, tut es. Hört auf euch. Wenn ihr das Gefühl habt, dass da was nicht stimmt: Macht die Konisation. Die Möglichkeit, dass nur eine Vorstufe gefunden wird, ist gross und danach könnt ihr den Mist wieder vergessen! Lasst euch nicht bequatschen mit irgendwelchen Hausmittelchen, sondern wendet diese nur in Kombination mit Schulmedizin an. Es geht hier um Krebs, verdammt noch einmal, und wenn Gemüsesäfte Krebs heilen würden, dann wäre das Problem gelöst! Ich bin absoluter Befürworter von Alternativmedizin und benutze die auch im Moment, aber diese hat genau so Grenzen wie auch die Schulmedizin.

Damit wäre alles gesagt. Zum Schluss bleibt mir nur noch: Wenn Fragen sind, fragt. Ich habe keine Mühe, darüber zu sprechen. Es gehört jetzt nun einmal zu mir und prägt meine Lebensgeschichte.

Fühlt euch zu nichts genötigt: Ich erwarte keine Statements, kein Mitleid, gar nichts. Ich bin immer noch die Simi und manchmal auch noch ein bisschen das Mariechen.

Nur etwas wäre schön: Daumendrücken. 🙂

löööööv!

2 Kommentare zu “Das Leben und sein Eigenleben

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